Verborgene Kunstschätze, Teil 3: Altarkreuz in der Oberkapelle

von Claudia Rust

Von besonderem Bürgerengagement und Verbundenheit mit der Elisabethkirche zeugt ein kostbares und äußerst kunstvolles Altarkreuz in der Oberkapelle über der Sakristei. Aufgrund seines Aufstellungsortes ist es dem Kirchenbesucher verborgen und nahezu unbekannt.


Das große vergoldete Kreuz ist im neoromanischen Stil des ausgehenden 19.Jahrhunderts reich mit Reliefs, Schnitzwerk, Filigran und Email mehrfarbig gestaltet. Es vereint biblische Themen mit dem Motiv der heiligen Elisabeth. Drei Drachenwesen und durchbrochene Reliefs von Höllenhunden bilden in Anlehnung an romanische Vorbilder den Fuß.

Das Kreuz ist zweiseitig gearbeitet. Es wird von einem gedrehten Schaft mit Blumenornament und filigranem Knauf getragen. Die Kreuzvorderseite zeigt zentral die gekreuzigte, aus Elfenbein geschnitzte Christusfigur vor mehrfarbig emailliertem Nimbus. Ein feines Muster aus Filigran, Blattwerk und kleinen Blüten überzieht die Kreuzarme. (Am oberen Arm fehlt die Applikation. Hier war zusätzlich ein Stein gefasst.) Stilisierte, dreipassige Lilien an den Kreuzarmen und ein Vierpass am Stamm zeigen Reliefs der Evangelistensymbole vor blauen Emailmedaillons, neogotische Floralmuster in Grubenschmelz und umlaufende lateinische Schriftbänder.

Die Rückseite ist ausschließlich graviert und punziert. Ein Medaillon mit dem Lamm Gottes in der Vierung sowie drei Rundbilder mit Darstellungen des Pelikans mit seinen Jungen (Opfertod), des Phönix (Wiedergeburt) und des segnenden und thronenden Christus durchbrechen das flächendeckende Floralmuster der Kreuzarme. Den Stamm dominiert die ganzfigurige Elisabeth vor teppichartigem Kreuzmuster. Elisabeth ist als Fürstin mit Krone dargestellt. Sie zeichnet sich durch den Nimbus sowie das Kirchenmodell auf ihrer Hand und ein Schriftband aus. Drei große, in eine blühende Pflanze eingebundene Wappenschilder zieren den Kreuzfuß. Sie benennen die Bauherren der Elisabethkirche, den Deutschen Orden und die Landgrafen von Thüringen. 

   
Das eindrucksvolle Kreuz findet in der Literatur kaum Erwähnung. Dank einer lateinischen, jedoch stark korrodierten Inschrift auf der Rückseite des Kreuzstamms unterhalb der Wappen lässt sich seine Geschichte rekonstruieren. Demnach wurde es 1883 anlässlich der 600. Weihefeier der Elisabethkirche gefertigt und von Marburger Bürgern gespendet. Den Entwurf fertigte eigens der Konservator des Marburger Kulturmuseums und Denkmalschützer Ludwig Bickell. Mit der Ausführung wurde die renommierte Aachener Werkstatt August Witte beauftragt.

Beide Tatsachen zeichnen das Kreuz aus: Zunächst handelt es sich nicht nur in der Motivwahl, sondern auch in der Komposition um ein Unikat.

Zur Herstellung wurde eine spezielle Zeichnung von einem Fachmann angefertigt und nicht auf ein gewöhnliches Modell zurückgegriffen. Der ausführende Goldschmied, ein Handwerker aus Aachen, wurde sicherlich auch mit Bedacht gewählt. Das Zentrum für Sakralkunst befand sich im 19. Jahrhundert im Rheinland. Einzelne Ateliers spezialisierten sich auf die handwerkliche Anfertigung von liturgischem Gerät. Zudem wurde ihnen besondere Förderung durch einflussreiche Persönlichkeiten wie Alexander Schnütgen und Franz Bock zuteil.

Die „Werkstatt zur Anfertigung kirchlicher Gefässe im mittelalterlichen Style“ des August Witte (1840-1883) in Aachen galt als eine der ersten Adressen. Besondere Wertschätzung erhielt Witte wegen seiner sachkundigen Stilnachbildungen, insbesondere der Kunst des 12. und 13. Jahrhunderts. Als Stiftsgoldschmied und Träger des Roten Ordens wurde er mit größeren Restaurierungsaufträgen in Aachen, Maastricht und Fritzlar betraut. Möglicherweise knüpfte der Denkmalpfleger und Fotograf Ludwig Bickell während der Restaurierung des Fritzlarer Domschatzes in den 1870er Jahren Kontakt mit dem Aachener Goldschmied und gewann ihn für die Anfertigung des Marburger Kreuzes.

Die Arbeit bezeugt aufgrund der vielseitigen Techniken, der Farbigkeit und Gestaltung Wittes Kunstfertigkeit sowie sein handwerkliches Geschick. Gleichzeitig verkörpert das kostbare Kreuz die Bedeutung des Weihejubiläums für die Marburger Bürger. Es wurde besonders zelebriert!

             
Quellen:
LEMBERG, Margret, Die Chorschranke in der Marburger Elisabethkirche, Marburg 2006.
RUST, Claudia, Der Päpstliche Hofjuwelier, Hof-& Domgoldschmied Wilhelm Rauscher in Fulda (1864-1925), Mainz 2007.


Zum Erhalt des beweglichen Inventars: Freunde und Förderer der Elisabethkirche in Marburg; info@remove-this.ffdem.de


Sonderführung:
Eine Sonderführung zum Elisabethschrein findet am Sonntag, den 11.8.2019, um 16 Uhr in der Elisabethkirche statt. Die Teilnahme ist für Mitglieder des Vereins "Freunde und Förderer der Elisabethkirche in Marburg e.V." kostenlos.

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