Verborgene Kunstschätze, Teil 4: Juppe-Elisabeth und "französische" Elisabeth

von Claudia Rust

 

In der Elisabethkirche stehen zwei ähnliche und doch recht verschiedene, farbig gefasste Holzfiguren der Kirchenpatronin. Beide erfuhren zu unterschiedlichen Zeiten Bewunderung und prägten das Bild der Heiligen. Sie wurden zu festen Bildtypen in der plastischen Kunst.


Die grundsätzlichen Merkmale stimmen überein: Elisabeth ist ganzfigurig und rundplastisch dargestellt, vornehm gekleidet, bekrönt und trägt das Modell der Elisabethkirche auf ihrer linken Hand. Nur wenige Jahre trennen beide Figuren voneinander. Der offensichtliche Unterschied liegt jedoch in ihrem Habitus.


Die prominentere Elisabethfigur wurde zwischen 1470 und 1500 geschaffen und befindet sich öffentlich zugänglich im nördlichen Seitenschiff auf einem ehemaligen Seitenaltar angrenzend an den Elisabethchor. Ein kapellenartiges, vom Marburger Bildschnitzer Ludwig Juppe Anfang des 16. Jahrhundert gearbeitetes Gehäuse umfasst die 135,5 cm hohe Skulptur. Diese Figur zeichnet sich durch ihre feine Gestaltung aus, die ihr trotz mangelndem Herkunftsnachweis, die Bezeichnung „französisch“ einbrachte. Stilistisch steht sie dem Grabmal Landgraf Ludwig I. in der Elisabethkirche nahe und könnte somit Meister Hermann [Kahl] zugeschrieben werden.

In ihrer aufrechten, grazilen Haltung, dem zarten, äußerst schlanken Körperbau und der kostbaren Gewandung aus goldenem, gemustertem, eng gegürtetem Kleid mit Hermelinmantel verkörpert sie die anmutige, junge Fürstin. Ein Kopfschleier fasst ihr erhobenes Haupt ein und rahmt das filigrane Gesicht. Die große Blattkrone unterstreicht ihre adelige Herkunft. Ihr Attribut, das Modell der Elisabethkirche, ist nah am architektonischen Vorbild gearbeitet und vollendet den kunstvollen Gesamteindruck: Elisabeth als wohlhabende, milde Fürstin und Stifterin der Kirche. Diese Figur erfreute sich bereits in früheren Jahrhunderten besondere Beliebtheit. Im Jahr 1820 wurde der Darmstädter Hofarchitekt Georg Moller mit der bautechnischen Dokumentation der Elisabethkirche beauftragt. Seine Architekturzeichnungen beschränken sich auf die Wiedergabe des Innenraums. Das bewegliche Inventar war ausgeblendet - mit Ausnahme von der Elisabethfigur im Gehäuse als Teil des Elisabeth-Mausoleums.

      
Weitaus weniger bekannt ist die zweite, nur 108cm große Elisabethfigur mit Kirchenmodell im Zelebrantenstuhl des Hochchors. Sie wird Ludwig Juppe, dem Schnitzer des erwähnten Gehäuses zugeschrieben und um 1510 datiert. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts rückt sie plötzlich in den Fokus. Der Architekt Karl Schäfer hebt sie in seinem „Inventarium“ zu Kunstwerken der Elisabethkirche aus dem Jahr 1873 als „prachtvoll“ hervor. Eine illustrierte Würdigung erfolgte wenig später, anlässlich des 600. Weihetages der Elisabethkirche durch Wilhelm Kolbe, den Pfarrer der Elisabethkirche. Er beschreibt sie in seiner Festschrift 1882 als „ganz vortreffliche“ Statue mit „höchst edlem Gesichtsausdrucke und ausgezeichnetem Faltenwurf ihres Gewandes“.

Diese Figur zeigt Elisabeth zwar als junge Fürstin mit Witwenschleier und Krone. Ihre Körperhaltung spricht jedoch eine demütige Sprache. Mit geneigtem, durch den Schleier teils verdeckten Blick widmet sie sich fürsorglich einer, links vor ihr knienden, kleinen, hilfesuchenden Figur und reicht dieser ein Brot. Der Mantel dient der Verhüllung des Körpers und nicht der Präsentation. Diese schlichtere, bürgernähere und aufopferungsvolle Darstellung kam dem idealen Elisabethbild um 1900 wohl am nächsten. In Schriften zum 700. Jahrestag ihrer Geburt (1907) und ihres Todes (1931) bildete diese Elisabethfigur in Abbildungen den Typus und prägte den Kunstmarkt. In der Elwert´schen Universitäts-, Buch- und Kunsthandlung in Marburg standen Abgüsse der Skulptur zum Verkauf. Das Bildnis regte zu Nachbildungen an und war weit verbreitet. Ein Beispiel stellt die Holzfigur in der katholischen Kirche St. Elisabeth in Waldkappel dar.


Die geringere Wahrnehmung dieser Figur seit ihrer Entstehung kann auch mit ihrer durchweg unvorteilhaften Aufstellung im Kirchenraum zusammenhängen. Nach dem Bildersturm diente sie als grau gestrichener Platzhalter auf einer Konsole am nördlichen Mittelpfeiler. Im Rahmen der Innensanierung 1854-1861 wanderte sie restauriert auf den kaum zugänglichen Zelebrantenstuhl. Die wechselhafte Verwendung hatte Spuren hinterlassen:  Die Türme des Kirchenmodells, Elisabeths rechte Hand mit dem Brot und Teile der kleinen Figur sowie der Krone mussten ergänzt werden. Ihr heutiges farbig gefasstes Erscheinungsbild dokumentiert den Zustand und die Ästhetik des 19. Jahrhunderts. 

    
Quellen:
BLUME, Dieter; WERNER, Matthias, Eine europäische Heilige- Elisabeth von Thüringen, Katalog, Petersberg 2007.
KOLBE, Wilhelm, Die Kirche der heiligen Elisabeth zu Marburg; Zum sechshundertjährigen Weihetag der St. Elisabethkirche dem ersten Mai 1883, Marburg 1883.
LEMBERG, Margret, Die Flügelaltäre von Ludwig Juppe und Johann von der Leyten in der Elisabethkirche zu Marburg, Marburg 2011.
LEPPIN, Eberhard, Die Elisabethkirche in Marburg, Marburg 1983.
RUST, Claudia, St. Elisabeth in Waldkappel - Eine Kirche der Nachkriegszeit im Bistum Fulda, in: Hessische Heimat, 69.Jg., 2019, Heft 1, S. 10-16.


Wiederweihe der Elisabethkirche und Gedächtnis des 700jährigen Todestages der Heiligen Elisabeth in der St. Elisabethkirche zu Marburg an der Lahn: Do., 19. Nov. 1931, vorm. 9 1/2 Uhr, Marburg 1931.


Zum Erhalt des beweglichen Inventars: Freunde und Förderer der Elisabethkirche in Marburg; info@remove-this.ffdem.de


Sonderführung:
Eine Sonderführung zur Juppe-Elisabeth und zur "französischen" Elisabeth findet am Samtag, den 17.8.2019, um 16 Uhr in der Elisabethkirche statt. Die Teilnahme ist für Mitglieder des Vereins "Freunde und Förderer der Elisabethkirche in Marburg e.V." kostenlos.

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Verborgene Kunstschätze, Teil 5: Barlachkreuz und das von Philipp von Hessen gestiftete Kreuz

von Claudia Rust Beim Betreten der Elisabethkirche fällt dem Besucher schnell das Kreuz am Altar vor der zentralen Nische der Chorschranke ins Auge. Das moderne Kreuz hebt sich deutlich von der übrigen Innenausstattung im gotischen Stil ab. Und dennoch fügt es sich wie selbstverständlich in das Ensemble. Dabei war es ursprünglich nicht für diesen Ort bestimmt und erregte zunächst aus künstlerischer und religiöser Sicht viele Gemüter. Anlässlich des 700. Todestages der Kirchenpatronin sowie auf Drängen des Leiters der staatlichen Denkmalpflege, Dr. Robert Hiecke, fand in den Jahren 1930-1931 unter Regierungsbaurat Hubert Lütcke eine umfangreiche Sanierung des Innenraums statt. Das gewandelte Stilempfinden spiegelte sich nun in der Umsetzung wider und steht in starkem Kontrast zur überladenden Ausgestaltung des 19. Jahrhundert. Die Chorschranke wurde gänzlich von allen neogotischen, aus der vorherigen Restaurierung stammenden Figuren sowie vom Triumphkreuz befreit und offenbarte sich dann in ihrer puren, monochromen Architektur. Ein modernes Kreuz sollte nun den Altar schmücken und die große Leere der zentralen Chorschrankennische füllen. Dieser Aufgabe widmete sich der Berliner Denkmalpfleger Dr. Hiecke ohne Rücksprache mit Marburger Instanzen. Er griff auf ein Gipsmodell für ein Kruzifix des Künstlers Ernst Barlach zurück, dass dem Staatsbauamt in Berlin als Entwurf für einen Soldatenfriedhof zugeschickt, aber bis dahin nicht ausgeführt worden war. In Bronze gegossen erfolgte die Umsetzung auf Kosten des Staatlichen Bauamtes in Berlin. Schließlich gelangte es Ende Oktober 1931 nach Marburg, wo die moderne, menschliche Darstellung des Gekreuzigten am gebogenen Kreuzbalken die Gemeinde spaltete. Persönlichkeiten wie der Kunsthistoriker Richard Haman oder Hubert Lütcke schätzten das Kreuz für seine Ausdrucksstärke. Die Mehrheit lehnte es jedoch ab.
Nur wenige Jahre später wurde es unter den Nationalsozialisten als „entartete Kunst“ eingestuft und musste 1936 aus dem öffentlichen Kirchenraum beseitigt werden. Der Kirchenvorstand wollte das Kreuz jedoch nicht aufgeben, woraufhin Prinz Philipp, Oberpräsident der Provinz Hessen, einen Kompromiss vorschlug. Er ersetzte das Barlach-Kreuz durch ein schlichtes Kruzifix aus seinem Besitz und verlagerte das denunzierte Werk auf einen Nebenaltar. Nach Kriegsende erhielt die Elisabethkirche das Barlach-Kreuz für ihren Altar vor der Chorschranke zurück. Seitdem erfüllt das Kruzifix des namhaften Künstlers Ernst Barlach nicht nur religiöse Zwecke, sondern erinnert als „Zeitzeuge“ an gewandelte kunst- und kulturpolitische Interessen und ermutigt zum persönlichen Engagement. Das Kruzifix des Prinz Philipp von Hessen wechselte seit 1980 mehrfach den Aufstellungsort. Aktuell steht es im südlichen Seitenschiff. Es handelt sich um ein schlichtes Altarkreuz mit „INRI“-Schriftband am kurzen, oberen Kreuzarm. Der Gekreuzigte ist in Dreipunktnagelung realistisch dargestellt. Der hohe Fuß trägt ein zierliches Relief des hessischen Löwen auf der Vorderseite. Die rückseitige Inschrift bezeugt die Schenkung anlässlich des 700jährigen Kirchenjubiläums durch PHILIPP v. LOTHRINGEN u. BRABANT. PRINZ u. LANDGR. z. HESSEN. Quellen:
LEMBERG, Margret, Die Chorschranke in der Marburger Elisabethkirche, Marburg 2006.
LEPPIN, Eberhard, Die Elisabethkirche in Marburg, Marburg 1983.
Zum Erhalt des beweglichen Inventars: Freunde und Förderer der Elisabethkirche in Marburg; info@ffdem.de
Sonderführung:
Eine Sonderführung zum Barlachkreuz und dem von Philipp von Hessen gestifteten Kreuz findet am Sonntag, den 25.8.2019, um 16 Uhr in der Elisabethkirche statt. Die Teilnahme ist für Mitglieder des Vereins "Freunde und Förderer der Elisabethkirche in Marburg e.V." kostenlos.

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Verborgene Kunstschätze, Teil 6: Wappenschilde

von Claudia Rust Einen sichtbaren und doch größtenteils unscheinbaren Schmuck in der Elisabethkirche stellen die etwa 100 Wappenschilde dar. Sie zieren großflächig die Wände des Landgrafenchors und das Erdgeschoss beider Türme. Ihre Fülle und Vielfalt sind trotz des schlechten Erhaltungszustandes beeindruckend. Der Bestand spiegelt umfangreich die Gestaltung mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Toten- und Gedächtnisschilde wider und ist deutschlandweit von Bedeutung. Sie sollen mit Unterstützung des Vereins „Freunde und Förderer der Elisabethkirche in Marburg“ im Rahmen der Innensanierung restauriert werden und somit der Nachwelt erhalten bleiben.  
Auf den ersten Blick erscheint der heraldische Wappenschmuck möglicherweise profan und deplatziert im Kirchenraum. Bei näherer Betrachtung fällt jedoch auf, dass die Wappen kriegsuntauglich und als Gedächtnistafeln anzusehen sind. Im Mittelalter kam im deutschsprachigen Raum der Brauch Totenschilden im Kirchenraum aufzuhängen auf. Es handelt sich um ein besonderes Privileg, das männlichen Adeligen und Patriziern die Bestattung in geweihter Erde zusprach. Anfangs schmückte noch das echte Kampfschild mit aufgemaltem Wappen die Begräbnisstätte. Zunehmend entstanden hölzerne Wappennachbildungen, die nun nicht mehr direkt in Grabesnähe zur Schau gestellt wurden. Wappenschilde füllten die leeren Kirchenwände und erinnerten als Gedenktafeln an namhafte verstorbene Persönlichkeiten wie z.B. Johann von Rhena. Er war Landkomtur des Deutschen Ordens in Marburg und verstarb laut Aufschrift im Jahr 1518. Sein Wappen zeigt neben der Aufschrift „Johannes v. Ryn a 1518“ einen schwarzen Hahn mit rotem Kamm auf Goldgrund. Es befindet sich im Hohen Chor hinter der Chorschranke. Das klassische Totenschild bestand aus einer runden, nur unten gerundeten oder polygonalen Holzscheibe mit zentralem Wappen und umlaufender Inschrift mit dem Namen des Verstorbenen, Todesdatum und Angaben zum sozialen Stand. Mit der Zeit veränderte sich die Grundform. Die Schilde wurden repräsentativer und mit kunstvollen Malereien und Schnitzwerk versehen. Der Gedächtniskult gipfelte im 16. Jahrhundert in einem Wetteifer um stets prunkvollere Gestaltungen. Ein besonders aufwändig gestaltetes Exemplar in der Elisabethkirche ist das Totenschild des Landgrafen Wilhelm II von Ludwig Juppe aus dem Jahr 1509. Die dreipassige Tafel ist mit der Jahreszahl und einem „W“ bezeichnet und trägt mittig das plastisch gestaltete, viergeteilte Schild mit den Wappen von Katzenellenbogen, Ziegenhain, Nidda und Ditz sowie das Herzschild mit dem Wappen der Landgrafen Hessen. Das Wappenschild gipfelt in einem bekrönten Turnierhelm mit Büffelhörnern und wird seitlich von geschnitztem Rankenwerk flankiert.
Mancherorts bewirkte der ausufernde Repräsentationszwang eine strenge Reglementierung. Die Ausführung wurde in Größe und Gestaltung normiert, was zur Aneinanderreihung von eintönig gestalteten, unauffälligen Schilden führte. Solche Schauwände von rechteckigen Tafeln findet sich in beiden Türmen wieder. Die Sammlung im Nordturm zeigt Aufschwörschilde anlässlich der Aufnahme in den Ritterorden. Mit dem Ordenseintritt schied der Mann aus dem weltlichen Leben. Das Familienwappen trägt das Ordenszeichen als Beiwappen. Der Südturm vereint Tafeln der Hochmeister und Landkomture der Ballei Hessen.  
Die Wappen- und Totenschilde der Elisabethkirche zeichnen über Jahrhunderte einen Brauch und ästhetischen Wandel nach. Jede Tafel steht für eine Person und ihr Schicksal. Diese Geschichte setzt sich im teils stark angegriffenen Erscheinungsbild der Schilde fort. Einige, ursprünglich am Boden stehende Tafeln wurden durch die Wassermassen der Überschwemmung am 3. August 1847 beschädigt. Andere litten dauerhaft unter der schlechten Aufbewahrung. Während des Simultaneums (gemeinsame Kirchennutzung von Katholiken und Protestanten) von 1811 bis 1827 waren einige Schilde vom katholischen Pfarrer van Eß abhängt und in die Sakristei verlagert worden. Der Vorgang konnte in der Folgezeit nur teils rückgängig gemacht werden. Auf Anordnung des Superintendenten Dr. Justi wurden zahlreiche Schilde in den 1930er Jahren auf Wände im Chor hinter dem Hochaltar und im nördlichen Seitenschiff verteilt. Einige Wappentafeln wanderten als Teil der Sammlung von Altertümern zunächst in das Museum im Ernst-von-Hülsen-Haus und schließlich in die Ausstellung im Schloss.
Quellen:
BICKELL, Ludwig, Zur Erinnerung an die Elisabethkirche zu Marburg und zur 6. Säcularfeier ihrer Einweihung, Marburg 1883.
BÜCKING, W., Das Innere der Kirche der heiligen Elisabeth zu Marburg vor ihrer Restauration, Marburg 1884.
LEPPIN, Eberhard, Die Elisabethkirche in Marburg, Marburg 1983.
MÜLLER-BRUNS, Dieter, Heraldische Besonderheiten: Totenschilde, in KLEEBLATT – Zeitschrift für Heraldik und verwandte Wissenschaften, Nr. 1, 2012, S. 42-51.


Zum Erhalt des beweglichen Inventars: Freunde und Förderer der Elisabethkirche in Marburg; info@ffdem.de
Sonderführung:
Eine Sonderführung zu den Wappenschilden findet am Samstag, den 31.8.2019, um 16 Uhr in der Elisabethkirche statt. Die Teilnahme ist für Mitglieder des Vereins "Freunde und Förderer der Elisabethkirche in Marburg e.V." kostenlos.

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