Verborgene Kunstschätze, Teil 6: Wappenschilde

von Claudia Rust

 

Einen sichtbaren und doch größtenteils unscheinbaren Schmuck in der Elisabethkirche stellen die etwa 100 Wappenschilde dar. Sie zieren großflächig die Wände des Landgrafenchors und das Erdgeschoss beider Türme. Ihre Fülle und Vielfalt sind trotz des schlechten Erhaltungszustandes beeindruckend. Der Bestand spiegelt umfangreich die Gestaltung mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Toten- und Gedächtnisschilde wider und ist deutschlandweit von Bedeutung. Sie sollen mit Unterstützung des Vereins „Freunde und Förderer der Elisabethkirche in Marburg“ im Rahmen der Innensanierung restauriert werden und somit der Nachwelt erhalten bleiben.

 
Auf den ersten Blick erscheint der heraldische Wappenschmuck möglicherweise profan und deplatziert im Kirchenraum. Bei näherer Betrachtung fällt jedoch auf, dass die Wappen kriegsuntauglich und als Gedächtnistafeln anzusehen sind. Im Mittelalter kam im deutschsprachigen Raum der Brauch Totenschilden im Kirchenraum aufzuhängen auf. Es handelt sich um ein besonderes Privileg, das männlichen Adeligen und Patriziern die Bestattung in geweihter Erde zusprach.

Anfangs schmückte noch das echte Kampfschild mit aufgemaltem Wappen die Begräbnisstätte. Zunehmend entstanden hölzerne Wappennachbildungen, die nun nicht mehr direkt in Grabesnähe zur Schau gestellt wurden.

Wappenschilde füllten die leeren Kirchenwände und erinnerten als Gedenktafeln an namhafte verstorbene Persönlichkeiten wie z.B. Johann von Rhena. Er war Landkomtur des Deutschen Ordens in Marburg und verstarb laut Aufschrift im Jahr 1518. Sein Wappen zeigt neben der Aufschrift „Johannes v. Ryn a 1518“ einen schwarzen Hahn mit rotem Kamm auf Goldgrund. Es befindet sich im Hohen Chor hinter der Chorschranke. Das klassische Totenschild bestand aus einer runden, nur unten gerundeten oder polygonalen Holzscheibe mit zentralem Wappen und umlaufender Inschrift mit dem Namen des Verstorbenen, Todesdatum und Angaben zum sozialen Stand.

Mit der Zeit veränderte sich die Grundform. Die Schilde wurden repräsentativer und mit kunstvollen Malereien und Schnitzwerk versehen. Der Gedächtniskult gipfelte im 16. Jahrhundert in einem Wetteifer um stets prunkvollere Gestaltungen. Ein besonders aufwändig gestaltetes Exemplar in der Elisabethkirche ist das Totenschild des Landgrafen Wilhelm II von Ludwig Juppe aus dem Jahr 1509. Die dreipassige Tafel ist mit der Jahreszahl und einem „W“ bezeichnet und trägt mittig das plastisch gestaltete, viergeteilte Schild mit den Wappen von Katzenellenbogen, Ziegenhain, Nidda und Ditz sowie das Herzschild mit dem Wappen der Landgrafen Hessen. Das Wappenschild gipfelt in einem bekrönten Turnierhelm mit Büffelhörnern und wird seitlich von geschnitztem Rankenwerk flankiert.


Mancherorts bewirkte der ausufernde Repräsentationszwang eine strenge Reglementierung. Die Ausführung wurde in Größe und Gestaltung normiert, was zur Aneinanderreihung von eintönig gestalteten, unauffälligen Schilden führte. Solche Schauwände von rechteckigen Tafeln findet sich in beiden Türmen wieder. Die Sammlung im Nordturm zeigt Aufschwörschilde anlässlich der Aufnahme in den Ritterorden. Mit dem Ordenseintritt schied der Mann aus dem weltlichen Leben. Das Familienwappen trägt das Ordenszeichen als Beiwappen. Der Südturm vereint Tafeln der Hochmeister und Landkomture der Ballei Hessen.

 
Die Wappen- und Totenschilde der Elisabethkirche zeichnen über Jahrhunderte einen Brauch und ästhetischen Wandel nach. Jede Tafel steht für eine Person und ihr Schicksal. Diese Geschichte setzt sich im teils stark angegriffenen Erscheinungsbild der Schilde fort. Einige, ursprünglich am Boden stehende Tafeln wurden durch die Wassermassen der Überschwemmung am 3. August 1847 beschädigt. Andere litten dauerhaft unter der schlechten Aufbewahrung. Während des Simultaneums (gemeinsame Kirchennutzung von Katholiken und Protestanten) von 1811 bis 1827 waren einige Schilde vom katholischen Pfarrer van Eß abhängt und in die Sakristei verlagert worden. Der Vorgang konnte in der Folgezeit nur teils rückgängig gemacht werden. Auf Anordnung des Superintendenten Dr. Justi wurden zahlreiche Schilde in den 1930er Jahren auf Wände im Chor hinter dem Hochaltar und im nördlichen Seitenschiff verteilt. Einige Wappentafeln wanderten als Teil der Sammlung von Altertümern zunächst in das Museum im Ernst-von-Hülsen-Haus und schließlich in die Ausstellung im Schloss.


Quellen:
BICKELL, Ludwig, Zur Erinnerung an die Elisabethkirche zu Marburg und zur 6. Säcularfeier ihrer Einweihung, Marburg 1883.
BÜCKING, W., Das Innere der Kirche der heiligen Elisabeth zu Marburg vor ihrer Restauration, Marburg 1884.
LEPPIN, Eberhard, Die Elisabethkirche in Marburg, Marburg 1983.
MÜLLER-BRUNS, Dieter, Heraldische Besonderheiten: Totenschilde, in KLEEBLATT – Zeitschrift für Heraldik und verwandte Wissenschaften, Nr. 1, 2012, S. 42-51.


Zum Erhalt des beweglichen Inventars: Freunde und Förderer der Elisabethkirche in Marburg; info@remove-this.ffdem.de


Sonderführung:
Eine Sonderführung zu den Wappenschilden findet am Samstag, den 31.8.2019, um 16 Uhr in der Elisabethkirche statt. Die Teilnahme ist für Mitglieder des Vereins "Freunde und Förderer der Elisabethkirche in Marburg e.V." kostenlos.

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